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Wie es ist, alleinerziehend zu sein

20. August 2017

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Credits: Doggsin

Momentan geht es bei uns zu Hause zu, wie in einem Haushalt mit Teenies. Bestes Beispiel heute auf unserer Nachmittagsrunde. Kaum auf der Wiese und von der Leine gelassen, stellte der Pudel auf Durchzug. Alle Tricks, seine Aufmerksamkeit bzw. ihn freiwillig an meine Seite zu bekommen, funktionierten nicht. Einmal durchschaut, machte er sich wieder aus dem Staub. So geht es schon seit ein paar Tagen: eigenwillig, schmusig, distanziert und Ohren auf Durchzug. Wie das Wetter im April.

Alleinziehend ist nicht immer ein Zuckerschlecken. Aber alles machbar und eigentlich auch nicht wirklich was Besonderes. Trotzdem habe ich gerade jetzt das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Denn ziemlich häufig lese ich Aufrufe á la „Habe gerade ein Kind bekommen, der Hund muss weg. Weil zu anstrengend.“ Oder „Habe mir gerade einen Welpen geholt und leider klappt es nicht.“ Oder oder oder. Mich macht das ziemlich traurig. Bei Vierbeinern hat Mensch anscheinend wenig Skrupel, ihn erst in sein Leben zu holen und bei den ersten Challenges wieder loszuwerden. Ich habe mal eine Frau mit Schnauzer und Pudel auf dem Hundeplatz getroffen. Den kleinen Pudel hatte sie aus fünfter (!!!) Hand – innerhalb seiner ersten beiden Lebensjahre musste der Arme fünfmal sein Zuhause wechseln, bis er endlich ankommen durfte.

Als mich entschlossen hatte, Niko zu adoptieren , wehte mir nicht nur Zuspruch und Freude entgegen. Es gab wenige, teils auch sehr harsche Stimmen, die meinten, als „Alleinerziehende“ könne ich Niko gar kein optimales Zuhause bieten. Ich sei ja auch viel unterwegs und müsste mein Leben ja total umstellen. Ermutigend war das nicht gerade und meine Angespanntheit in der Anfangszeit entsprechend groß. 

Welche Verantwortung auf mich zu kam, spürte ich bereits auf unserer gemeinsamen Heimreise. Als mich die Tierschutzorganisation fragte, ob ich Niko tatsächlich allein mit der Bahn abholen möchte, war ich amüsiert irritiert – na logo, ich kann doch allein Zug fahren – nichts ist einfacher als das. Nope – die extrem lange Hinfahrt und das nächtliche Aufstehen zollten schon vor Nikos Ankunft ihren Tribut. Ich war hundemüde und die Fahrt steckte mir tief in den Knochen. Um ein bisschen Bewegung ins Spiel zu bringen, freute ich mich auf unseren ersten gemeinsamen Spaziergang. Denn Niko würde sich sicher nach der langen Reise aus Spanien bis nach Ulm über ein kleine Runde zum Beine vertreten freuen. Und nochmal Nope!

Die Übergabe verlief so schnell, dass wir sogar vergessen hatten, die Papiere zu tauschen und plötzlich war ich mit Niko allein. Aus unserer Runde wurde nichts, denn ihm war alles fremd und er hatte Angst. Also zurück zum Bahnhof und dort auf den Zug warten. Umbuchen war leider aus exorbitanten Kostengründen nicht möglich (das Umbuchen hätte mich über 120 Euro gekostet!), also mussten wir 3 Stunden tot schlagen. Hätte ich gewusst, welches Aufsehen eine auf dem Boden sitzende Frau mit Hund schlägt, hätte ich mich irgendwo in ein Café gesetzt. Nach Polizeikontrolle, denn als eine auf dem Boden sitzende Person stelle ich ein Sicherheitsrisiko dar, und dem kurze Zeit später folgenden Besuch der DB-Sicherheit, der ich dann einfach nur noch mein Zugticket unter die Nase hielt, kam der wirklich amüsante Teil: Plötzlich steuerte ein älterer Mann auf mich zu und wollte mir Geld in die Hand drücken. Er dachte tatsächlich, ich würde betteln und wollte mir was geben, weil ich so anders als die sonstigen Bettler aussah. Aha.

Resigniert und mittlerweile ziemlich müde zog ich auf den Bahnsteig um und hoffte, dass der Zug pünktlich fahren würde. Kaum im Zug und Niko sicher neben mir auf dem Fensterplatz geparkt, merkte ich zum ersten Mal meine Anspannung und die vielen Fragen, die auf einmal in meinem Kopf waren. Als wir nach einer gefühlten Unendlichkeit endlich ins mitternächtliche Berlin einfuhren, waren sie da die ersten Zweifel. Ich schaute in diese kleinen Knopfaugen und fragte mich, ob ich dieses Fellbündel wirklich glücklich machen kann – in dieser großen Stadt, in meinem Alltag, als Nicht-Profi und vor allem allein. Schon für das Nachhause schleppen (Niko wollte ja nicht laufen), hätte ich mir jemanden an meiner Seite gewünscht. 

Diese starke Schulter oder wenigstens einen Schulterklopfer wäre auch zwei Tage später mehr als willkommen gewesen. Denn viel eher als gedacht stand ich vor einem Orga-Berg. Ich musste Niko über den Tag anderweitig unterbringen, da ich ihn nun doch nicht mit ins Büro nehmen konnte. Oh man, darauf war ich in diesem Moment nicht vorbereitet und mein Singledasein in diesem Moment mehr als ein Fluch. Über einen kleinen Umweg bot sich eine Bekannte an, Niko bis zum Mittag zu nehmen und am Nachmittag übernahm dann eine gute Freundin. Was für ein Hustle, der sich dann tatsächlich noch wochenlang zog, bis ich für Niko eine Traum-Hundetagesstätte gefunden hatte. 

Diese gesamte Zeit zerrte enorm an meinen Nerven und ließ mich in manch ruhiger Minute zweifeln, ob ich das allein alles hinbekommen würde. Schon allein das Einkaufen fühlte sich ein wie ein 200 Meter-Sprint, denn Niko konnte noch nicht allein bleiben. Also lief ich völlig gehetzt durch die Gänge des Supermarkts und packte meistens alles wahllos in meinen Korb. Hauptsache, schnell wieder zu Hause sein.  Bei vielen kleinen Alltagsepisoden wünschte ich mir insgeheim einen Partner an die Seite, der mal einspringt und Dinge abnimmt, mich bestärkt und mit dem man gemeinsam Sorgen und Gedanken teilen kann. 

Denn die nächste Prüfung ließ nicht lange auf sich warten: Ein als Routine-Check gedachten Tierarztbesuch entpuppte sich als Beginn einer Achterbahn der Gefühle. Die diagnostizierte Ehrlichiose riss mir förmlich den Boden unter den Füßen weg und malte mir in alter Inga-Manier bereits das Schlimmste aus. Was soll man auch tun, wenn man abends allein mit dem Pudel auf dem Sofa sitzt? 

Wenn ich die letzten zwei Jahre Revue passieren lasse, hat sich mein Alltag schon sehr verändert, aber vor allem mich auch viel stärker und strukturierter gemacht. Klar, schwingt immer ein gewisser Organisation-Hustle mit. Aber mein Panikbarometer ist deutlich entspannter geworden – nicht bei Niko, sondern auch in vielen anderen Situationen. Ist es mal der längere Arztbesuch oder ein Business Trip oder ganz einfach mal ein Abend mit Freunden – denn länger als eine Stunde lasse ich Niko momentan noch nicht allein, wir trainieren ja noch. 

Und mal ehrlich, diesen Aufwand hast Du, ob Du nun allein für ein Tier verantwortlich bist oder zu zweit oder zu dritt. Denn einen Partner an der Seite zu haben, gibt Dir ein bisschen mehr an Flexibilität. Doch ein Garant, dass alles klappt wie gewünscht, ist es nicht. Das Leben hält viele Überraschungen bereit und Zusagen von heute können bereits morgen passé sein. Eine Bekannte zum Beispiel konnte ihren Hund immer mit ins Büro nehmen. Nach knapp anderthalb Jahren hieß es dann plötzlich, dass Hunde nicht mehr erwünscht sind und sie nun einen Monat Zeit hätte, eine alternative Lösung zu finden. Hat sie auch: Abwechselnd betreuen Freunde das Fellknäuel und an bestimmten Tagen geht auf Ausflug mit einem Hundesitter. 

Und bei mir? Auf Ausstellungen oder Vernissagen bin ich auch heute noch öfter unterwegs, zwar nicht mehr so wie früher, aber das macht mir persönlich nichts aus. Lieber Qualität, als Quantität. Ziemlich häufig begleitet mich Niko, solange es für ihn entspannt bleibt und er sich nicht in der größten Hitze, durch eine Menschenmasse, vorbei an wummernder Musik aussetzen muss. Also bisher alles machbar, man muss sich nur darauf einlassen. Durch Niko habe ich so einige liebenswerte Menschen kennengelernt, die oft mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sei es, zum Beispiel Niko über Nacht zu nehmen, wenn ich am nächsten Tag früh zu einem Kundentermin muss oder geduldig meine Fragen beantworten, wenn ich mir mal wieder Sorgen mache, wenn mal wieder eine Laus über den Pudelmagen gelaufen ist. Und ja, sich auch ab und zu mal überfordert fühlen und sich nach ein kleines bisschen me-time zu sehnen, ist völlig normal – ABER auch kein Grund, aufzugeben. Niko ist ein Teil von mir und ich könnte mir keinen einzigen Grund vorstellen, ihn eines Tages wegzugeben. 

Nehmt Eure Hunde genau so, wie sie sind – mit ihren Ecken und Kanten, denn die habt Ihr ja auch.

Life is a Rollercoaster und genau das ist ja das Spannende daran. 

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