pudelwohl auf Tour: Mini-Auszeiten beleben den Geist und Beziehungen

Es ist Sonntag Abend. Ein leises Schnarchen ist vom Bettende zu hören. Unterbrochen von kurzem Knurren und Schniefen. Kurz nach 8.00 und Nikos Reise nach Schlummerland lässt die Abenteuer des fast vergangenen Wochenendes noch einmal aufleben.

Knapp drei Tage zuvor machte ich mich mit gepacktem Rucksack und aufgeregtem Pudel auf den Weg ins Irgendwo im Nirgendwo. Halb Projekt- und halb Erholungswochenende auf dem Land. Dort, wo sich nur noch Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und sich das Smartphone nur sehr punktuell ins Internet einloggt, lernte ich nach fast dreieinhalb Jahren meinen Pudel wieder von einer neuen Seite kennen.

Loslassen, eine Frage des Vertrauens

Schon auf dem Parkplatz lässt sich die Weitläufigkeit des Landguts erahnen. Zwischen den größeren und kleineren Häusern wiegen sich blühende Apfelbäume, Rosensträucher und liebevoll angelegte Blumenrabatten in der Abendsonne. Niko weiß gar nicht, wo er anfangen soll, zu schnüffeln. Herrlich aufregend. Zum Glück habe ich die Schleppleine dabei, denn das große Gut ist nicht wirklich eingezäunt. Doch die Leine kommt überhaupt nicht zum Einsatz. Ungeduldig wird der Pudel nämlich im hinteren Teil des Gartens bereits erwartet. Nach einer kurzen Berliner Stippvisite kann es sein neuer Kumpel Pucho gar nicht mehr erwarten, mit Niko über das Gelände zu toben. Durch das Mistbeet, rein ins Gewächshaus, in Windeseile um den langen Bungalow, kurz durch die Glastür des Gästehauses geschaut und wieder von vorn. Das sporadische Verschwinden des Pudels aus meinem Radius lässt mich nicht wirklich entspannen. Wir kennen die Gegend nicht. Was ist, wenn eine spannende Witterung aus dem angrenzenden Wäldchen die Aufmerksamkeit der Hunde auf sich zieht? Oder die anderen, recht tiefen Hundestimmen von den umliegenden Gehöften viel zu verlockend klingen, um dort vorbeizuschauen? Und dann ist da noch das Lagerfeuer. Sind die beiden nicht zu unaufmerksam, um aus Versehen dem Feuer viel zu nah zu kommen?

Ich bin unschlüssig, will Niko aber den Spaß an dieser kleinen Freiheit nicht nehmen. Also muss ich versuchen, irgendwie loszulassen und zu vertrauen.

Loslassen bedeutet nicht nur die Hand zu öffnen, sondern vor allem zu vertrauen, dass etwas Großartiges in die Hand gelegt wird.

Ich werde nicht enttäuscht. Entgegen meiner Ängste werde ich überrascht: Trotz seiner enormen Ablenkung durch Dackel-Junghund Pucho sucht Niko regelmäßig meine Nähe. Wenn er mich nicht auf Anhieb sieht, fängt er an, mich zu suchen. Rufe ich ihn, hält er inne und kommt – für unsere Verhältnisse – relativ schnell zu mir. Ein sehr schönes Gefühl, dass wir beide nun – jeder auf seine Art – genießen können.

Niko fängt mit N an, Neugierde aber auch

Tür auf, Nase kurz schnüffelnd in die Luft gereckt und schon geht es schnurstracks quer über die Wiese, an der Veranda des kleinen Coworking-Hauses vorbei und eine halbe Runde um das Gästehaus, in der Hoffnung, dass eine der Türen zur Küche offen steht. Voller Abenteuerlust wird jeder noch so abgelegene Winkel des Guts inspiziert. Sogar die offenen Wendeltreppen aus Gitter, die zu den größeren Studios unter dem Dach führen, erklimmt Niko wie selbstverständlich. Es gibt einfach zu viel zu entdecken. Eine solche Antriebskraft habe ich schon länger nicht mehr gesehen. Also nutzen wir am nächsten Tag unsere erste Morgenrunde für eine gemeinsame Entdeckungstour über das noch schlafende Gut. Durch die Studios, auf Dachböden, über alte, verwitterte Holztreppen zurück in den Garten, vorbei an den beiden kleinen Lauben und dem ehemaligen Bienenhäuschen zu den Bungalows, wo uns Puchos Gebell schon sehr bald empfängt.

Auch wenn es hier nur Mini-Abenteuer sind, schweißt uns das zusammen. Denn ganz selbstverständlich lassen wir uns an diesem Morgen treiben. Ganz ohne Uhrzeit im Blick, ohne bestimmtes Ziel und Gedanken im Kopf. Spürt Niko den Drang in eine bestimmte Richtung zu laufen oder einen Raum erkunden zu wollen, gehe ich mit. Und umgekehrt. Besser kann der Start in diesen Frühlingstag gar nicht laufen.

In einem Anflug von FOMO fällt es Niko allerdings schwer, sich ein bequemes Plätzchen für ein Nickerchen zu suchen. Viel zu beschäftigt werden sogar die Katzen, die argwöhnisch aus der Nähe seine Bewegungen beobachten, zur Nebensache. Wer braucht also schon Internet, wenn die kleinen Tierchen um mich herum schon soviel Unterhaltung bieten.

Vom Stadtflaneur zum Dorfsheriff

Bleiben Geräusche bei uns im Treppenhaus oder das Klingeln an der Tür meistens unkommentiert, entdeckt Niko auf dem Gut seine Stimme nun um so mehr. Das entfernte Gebell der anderen Hunde im Ort muss natürlich beantwortet werden. Am besten im Chor, denn Pucho stimmt gerne mit ein. Auch im Office-Gebäude, meine Internet-Insel, stehen Niko und Pucho hinter der Glastür regelrecht auf der Lauer. Kommt jemand vorbei oder betritt sogar das Büro, stimmt der zweistimmige Chor sofort ein. Auf die beiden ist absolut Verlass.

Warum Niko an diesem Wochenende derart wachsam und relativ bellfreudig ist, kann tatsächlich unterschiedlichste emotionale Gründe haben. Vielleicht möchte er einfach nur beschützen und warnen. Vielleicht ist das Bellen auch eine Art Ventil gegen den Stress. Oder ist es der Wunsch nach Aufmerksamkeit? An der Stimmung auf dem Gut kann es nicht liegen. Das Miteinander ist entspannt. Sowohl die anderen Gäste als auch die Bewohner gehen sehr gelassen und selbstverständlich mit den Hunden um. Also tippe ich eher darauf, dass die noch unbekannte Umgebung und die vielen neuen Gesichter ihren Einfluss haben. Aber auch Pucho und Max sind wahrscheinlich nicht ganz unschuldig. Denn ihrer Bellfreude kann sich Niko wahrscheinlich nicht entziehen.

Auch das sporadische Miteinander als Dreier-Rüden-Kombo klappt unerwartet gut. Die Hunde begegnen sich nicht nur körperlich auf Augenhöhe. Klar gibt es auch hier und da mal Reibereien. Ganz souverän klären sie es unter sich – natürlich immer unter unseren wachsamen Augen, um anschließend wieder vergnügt im Gras zu schnüffeln und sich gegenseitig zum Spielen aufzufordern.

An diesem Sonntag Abend überkommt mich ebenso eine Müdigkeit. Die frische Landluft, das satte Grün und die vielen schönen Momente. Mit einer großen Zufriedenheit schaue ich in Nikos Gesicht und beobachte seinen Schlaf, mit der Gewissheit, dass er an diesem Wochenende wieder ein Stück für sich gewachsen ist und wir unser Teaming von einer neuen Seite kennengelernt haben.

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