Bibi: Wenn die Zeit gekommen ist

Ihr müder Blick folgt mir vom Sofa, durch den Flur bis in die Küche. Ich spüre, wie sie beim Rascheln der Brottüte die Ohren spitzt und sich ausmalt, welche Leckerei wohl darin für sie wartet. Aber sie ist zu erschöpft und bleibt lieber in ihrer Lieblingsecke auf dem Sofa liegen. Zugedeckt mit dem alten, dunkelblau gestreiften Frottee-Bademantel meines Opas, der Lockenkopf auf dem Strickkissen gebettet. Auf unserer kleinen Mittagsrunde wollte sie heute nicht mehr so recht mitlaufen. Viel lieber schnüffelte sie sich durch das riesige Gebüsch vor unserer Haustür, das wie ein Miniwald uns Kinder in der Nachbarschaft zum Verstecken spielen einlädt. In den letzten Tagen fiel es ihr merklich schwerer, sich zu bewegen. Wie sehr sich ihre Kondition in den letzten Monaten verändert hat, ist mir irgendwie nicht aufgefallen. Zu schleichend war die Veränderung. Dass über die Jahre ihr Schnäuzchen ein bisschen grauer geworden ist und sie lieber im Schatten unter unserem Augustapfelbaum liegt, schien irgendwie normal. Bibi begleitet mich schon, so lange ich denken kann. Eine bescheidende, freundliche und zurückhaltende Großpudel-Hündin. Sie ist ein leises und unaufgeregtes Familienmitglied. Am Tisch sitzt sie im Sessel direkt neben meinem Opa, kuschelt sich ansonsten in die Sofaecke oder rollt sich gerne abends gerne mitten auf die Decke, wenn ich mich beim Schlafgehen zudecken möchte.

Sie war mal ein junger Hund, lustig und quirlig – eine junge Wilde. Kein Paar Schuhe war vor ihr sicher. Wie oft war morgens das Paar nicht vollständig und die andere Hälfte fand sich im Gebüsch vor unserem Haus. Musste ich die unregelmäßigen Verben für den nächsten Englischtest lernen, zog sie mich auf meinen Rollerskates die Einfahrt im Garten hoch und runter. So konnte mich am besten konzentrieren. Nie müde werdend lief sie am Fahrrad meines Opas, buddelte riesige Löcher in den Grasberg neben dem Misthaufen. Die waren so groß, dass sogar ich dort hinein passte. Und mit ordentlich Hummeln im Hintern preschte sie über Stock und Stein. Einmal so schnell, dass ich mich am anderen Ende der Leine nicht mehr halten konnte und auf meinen Knien hinterher schrabbte. Ein schwarzes Energiebündel eben. Sie ist ein typischer Pudel, äußerlich mit ihren tiefschwarzen Locken und mit einem sehr schlauen Köpfchen. Würdig trat sie in den Fußstapfen ihres Vorgängers Axel, mit dem die Pudelliebe meiner Oma begann. Auf Axel folgte dann Bibiane, kurz Bibi. Ein Name, mit dem sich so mancher nicht wirklich anfreunden konnte. Kein typischer Hundename eben. Einmal stritt ich mich deswegen mit zwei Mitschülern, die den Namen nicht akzeptieren wollten und darauf behaarten, dass Bibi eigentlich für Baby steht und wir das irgendwie nicht so richtig verstanden haben. Aha.

Ihre Schmerzen lässt sie sich nicht anmerken. Dass die Krankheit nicht ganz so spurlos an ihr vorbeigegangen ist, weiß ich heute, wenn ich ihren melancholischen Blick auf den alten schwarzweiß Fotos betrachte. Für mich war es die Beule, die da an ihrem Hinterlauf wächst und die nichts gutes möchte, aber gegen die der Tierarzt machtlos ist. Bibi war nachwievor die Alte – jedenfalls in meinen Augen – und so schiebe ich die Diagnose auf mein imaginäres Abstellgleis. Hin und wieder fährt mein Opa mit ihr in den Nachbarort zur Sprechstunde. Immer mit dem Zug, denn ein Auto haben wir nicht. Die Krankheit ist für mich nicht greifbar, kommen doch beide jedes Mal gelöst zurück. So schleicht sie sich über Monate lautlos in unseren Alltag. Vielleicht bin ich auch noch zu jung, um zu begreifen. Anders bei meinen Großeltern. Ihre Anspannung ist spürbar. Der Krebs fühlt sich für sie an wie ein Spiel auf Zeit. Bei jeder kleinen Veränderung fragten sich meine Großeltern, wann der richtige Zeitpunkt sei, das geliebte Familienmitglied gehen zu lassen. Doch Bibi hing an ihrem Leben und an uns.

Hat sie denn überhaupt noch Freude?“, höre ich meine Oma leise fragen, als Bibi partout nicht aufstehen will. Sich mit ihrem Abschied auf Raten zu arrangieren, fällt beiden schwer, zu groß ist die Angst, etwas falsch zu machen und zu deutlich das Verrinnen der Zeit. Behutsam, fast wie Geheimniskrämer schleichen sie um uns herum. Offen über das „ja oder nein„, „wie und wann“ zu sprechen, fällt ihnen sichtlich schwer. Wachsam sind sie auf der Suche nach Anzeichen; immer auf der Hut, diesen endgültigen Moment zu verpassen. Wie ein herannahendes Gewitter zieht die Veränderung plötzlich auf. Sind am Horizont die Vorboten bereits zu sehen, stecke ich in meiner Umbekümmertheit fest. Vielleicht bin ich zu naiv, vielleicht auch noch viel zu klein, um mich auf die schmerzhaften Seiten des Lebens einzulassen.

Warum fühlt sich das Loslassen so merkwürdig an?

Heute ist alles irgendetwas anders. Wortlos sitzen wir beim Frühstück im Wohnzimmer. Der Blick meiner Oma schweift, während sie sich an ihrer Kaffeetasse festhält, immer wieder aus dem Fenster. Vermeiden sie ein Gespräch in meiner Gegenwart, merke ich doch, dass etwas nicht stimmt.

Mit einem leisen Quietschen bewegt sich die Hollywood-Schaukel auf und ab. Die Augustsonne hat die braunen Kunstledersitze aufgeheizt, so dass ich mich auf eine Decke setzen muss. Durch die Hecke erkenne ich schemenhaft meinen Opa auf seinem Fahrrad ankommen. Bevor er das hohe Gartentor aufschließt, stellt er sein Rad am Lindenbaum ab. Wie immer. Doch heute ist alles anders. Er kommt allein zurück, ohne Bibi. Sie ist beim Tierarzt geblieben – für immer.

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