Hund im Büro – Wie Niko unser Teaming verändert hat

Kurz vor 10.00 in unserem kleinen Büro unter dem Dach in Berlin Mitte: Auch der letzte meiner Early Birds ist inzwischen eingetroffen. Zwischen erstem Kaffee und schnellem Snack besprechen wir unseren Tag. Mittendrin Niko.

Abwechselnd zwischen seinem Spiel mit einem ausrangierten Paar Socken und dem Begrüßen seiner Kollegen macht er sich zwischen den verlockend am Boden stehenden Taschen, offenen Papierkörben und raschelnden Brötchentüten auf die Suche nach Essbarem. So wie jeden Morgen. Es gehört einfach zu unserem Teamalltag dazu.

Achtung Spoiler!

Einige Monate habe ich mich gemeinsam mit Nina von Der weiße Hund diesem doch sehr aktuellen Thema gewidmet. Mit unseren eigenen Erfahrungen im Gepäck haben wir uns gefragt, kann wirklich jeder Hund Büro und lassen sich im Büroalltag wirklich die Bedürfnisse (von allen Seiten) gut abholen? Im Gespräch mit Unternehmen, Verhaltenstherapeuten und Haltern sind spannende Geschichten, Tipps und auch Aha-Momente zusammengekommen, die wir sehr bald mit Euch teilen wollen.

Niko ist unser festes Teammitglied. Er stellt sich neben den Stuhl und lässt sich genüsslich kraulen, während die Hand auf der Computertastatur einen Pressetext vorbereitet. Als unser Feel Good Manager übernimmt dieser kleine Pudel eine ziemlich wichtige Rolle: Er ist Eisbrecher, Brückenbauer, Mutmacher, Stimmungsaufheller und Spannungslöser in einem. Ein echter Allrounder eben.

Unser gemeinsames Experiment begann vor etwas mehr als drei Jahren. In der Agentur gab es bereits einen Bürohund, der mir ziemlich ans Herz gewachsen war und mich immer wieder durch seine Anwesenheit aus den Tiefs bedingt durch Stress und Unwohlsein heraus holte. Eines Tages entdeckte ich zufällig Niko in der Vermittlung eines Tierschutzvereins in Süddeutschland. Und schon vier Wochen später zog Niko bei mir ein und hatte auch gleich seinen ersten Tag bei uns in der Agentur. Seitdem begleitet er mich und mein kleines Team auf der Achterbahn unseres Arbeitsalltags. Gerade durch ihn habe ich eine ganze Menge über mich, zu meiner Beziehung zum Job und meine Bindung zu Niko gelernt. Aber auch in unserem kleinen Team hat sich durch die Anwesenheit dieses Pudels etwas verändert:

Über Sympathie und schnelles Ankommen

Wenn alle drei Monate drei neue Gesichter in ihren ersten Agenturrundgang starten und schließlich bei meinem kleinen Team unter dem Dach ankommen, bin ich jedesmal froh über Nikos sehr offenes und freundliches Wesen. Jeder wird herzlich auf Pudelart begrüßt. Bis auf ein einziges Mal. Als unser damaliger Praktikant Mathes mit seinen knapp 2 Metern ein wenig geduckt durch die Tür kam, war Niko von soviel Größe überwältig und wich sofort zurück. Er wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. 20 Minuten später waren beide ein Herz und eine Seele.

Gerade in den ersten Tagen am neuen Arbeitsplatz ist noch alles fremd – die Gesichter, der neue Schreibtisch und die Abläufe in der Agentur. Als talentierter Feel Good Manager empfängt Niko unsere Neuankömmlinge so charmant, wie es nur geht. Relativ schnell ergeben sich darüber auch Gespräche: Ich erzähle ein bisschen von Niko und das neue Teammitglied ein bisschen von sich. Spätestens nach Anekdoten über gestohlene Lunchpakete und meine Ermahnungen, Essbares nicht in der Tasche auf dem Boden stehen zu lassen, lockern die ersten Lacher die Atmosphäre.

Hunde sind unvoreingenommen. Sie kümmern sich nicht um körperliche oder seelische Makel und nehmen eine Person so an, wie sie eben ist – egal, ob sie neu in einem Team ist und sich dadurch noch unsicher fühlt oder ob gerade ein Text misslungen ist.

Psychologische Untersuchung der Universität Wien über den pädagogischen Mehrwert durch die Begleitung von Hunden in Schulklassen zeigte eine wesentlich größere Schulzufriedenheit und geringere Fehlzeiten. Der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal sieht darin einen klaren Hinweis, wie sehr Hunde soziale Integration und Lernbereitschaft fördern. Diese Fähigkeit zum Eisbrechen unterstreicht auch Erhard Olbrich, Psychologe an der Universität Erlangen-Nürnberg und Experte für „tiergestützte Pädagogik“: Tiere lösen eine gewisse Empathie aus. Denn die Rücksicht, die ihnen entgegenbringt wird, strahlt zurück auf die gesamte Atmosphäre. Ein spannender Hund bringt also Neugierde und auch Kreativität in den Unterricht zurück. Und das wiederum kann sich ein versierter Lehrer für sich zu Nutze machen.

Gemeinsam füreinander

In unserem Team ist spürbar, dass sich jeder auf seine ganz eigene Weise für Niko verantwortlich fühlt. Ganz klar liegt die eigentliche Verantwortung IMMER bei mir. Aber auch die anderen schauen mit einem aufmerksamen Auge immer wieder auf den Pudel: Sind zum Beispiel alle Fenster geschlossen, wenn wir für ein Meeting ins Headquarter runter gehen? Warum leckt er sich permanent die Pfote? Hat er sich vielleicht verletzt? Die Mittagspause gehört immer Niko. Bei Wind und Wetter drehen wir unsere Runde im Kiez. Zeit, für ein Mittagessen auf der Hand bleibt da relativ wenig. Das ist für mich auch nicht dramatisch, denn ich bin sowieso nicht der Mittagessen-Typ. Ist der Hunger trotzdem groß, fragen ich meine Kollegen, ob sie mir etwas mitbringen können. Andersrum revanchiere ich mich dann mit einer Kaffeerunde gegen das Nachmittagstief.

Ein schöner Lerneffekt entsteht zusätzlich: Nicht alle Kollegen haben Erfahrungen mit Vierbeinern und wissen oft nicht, wie sie Situationen richtig einschätzen sollen. In ihrem gemeinsamen Alltag mit Niko schnappen sie einiges auf. Oft entsteht sogar ein völlig neues Bild über Hunde und das freut mich natürlich sehr. Da war zum Beispiel eine Praktikantin im letzten Jahr, sehr aufgeschlossen von der Persönlichkeit her, aber unsicher im Umgang mit Niko. Schlawenzelte er um sie herum, konnte sie nicht einordnen, warum er das tat. Wollte sie ihn streicheln und er dabei den Kopf wegzog, schlußfolgerte sie, dass er sie nicht mag. Doch anstatt die Situation so hinzunehmen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, fragte sie mich über alle möglichen Dinge und ich konnte aufklären: Warum zieht Niko zum Beispiel seinen Kopf immer weg, wenn sie ihn streicheln wollte. Ganz einfach, die Bewegung von oben über den Kopf wird von Hunden als unangenehm teils sogar als bedrohlich empfunden.Besser ist es, ihn sanft am Hals oder an der Brust zu streicheln. So kann er genau sehen, was passiert.

Oder woran erkenne ich, dass ein Hund mich mag? Plötzlich konnte sie Niko viel besser einschätzen. Seitdem legte sie häufig kleinere Spielpausen mit ihm ein und freute sich, wenn er sich zu ihr an den Schreibtisch legte.

Achtsam Miteinander

Mit einem Vierbeiner in der Nähe ist alles viel fröhlicher und lockerer? Ein Argument, das häufig in der Pro-Diskussion angebracht wird. Die Stimmung in unserem kleinen Satellitenbüro ist nicht fröhlicher als unten im Headquarter. Ich würde aber behaupten, dass wir mehr darauf bedacht sind, eine ausgeglichene Atmosphäre zu schaffen. Vor knapp einem Jahr hatte mein kleines Team mit einem schweren Konflikt – oder besser gesagt: Situation – zu kämpfen. Zwar gab es zwischen uns selbst keine Spannungen. Allerdings wirkte ein großer Druck von außen auf uns ein, der die Stimmung ziemlich belastete. Ein Zustand, der auch an Niko nicht spurlos vorbei ging. Anstatt wie sonst voller Spielfreude am Nachmittag über den Teppich zu toben, rollte er sich still in sein Körbchen oder lag unter meinem Schreibtisch. Erst auf dem Nachhauseweg oder an Homeoffice-Tagen lief er zur alten Form auf und sein Wohlfühlen war deutlich spürbar.

Hunde haben sehr feine Sinne. Sie können menschliche Gefühle genau lesen, und zwar nicht nur die ihres Menschen.

Egal, ob wir versuch(t)en, eine Fassade aufrechtzuerhalten,  Niko wusste einfach sofort Bescheid und zeigte uns das sehr deutlich. Oft merkt er wesentlich schneller als wir selbst, wenn sich die Stimmung im Büro und in mir – aber auch im Team – verändert. Zu diesem Ergebnis kam auch die Verhaltensforscherin Natalia Albuquerque in ihrer Untersuchung, dass Hunde menschliche Emotionen über Mimik und Stimme erkennen. Erhebt sich meine Stimme zum Beispiel während einer Diskussion in erregtere Lagen, kommt Niko sofort zu mir und versucht, auf seine Art zu beschwichtigen. Damals kam er kaum zur Ruhe. Beobachtungen, die mich wirklich mit Sorge erfüllten.

Aller Anfang ist Achtsamkeit

… wenn wir uns bewusst werden, was gerade um uns herum und mit uns passiert, und wir damit umgehen. Sich seiner Selbst und der eigenen Stimmung bewusst zu sein, ist gar nicht so einfach. Denn enge Deadlines, ein hektischer Tagesplan, Stress oder „nur“ schlechte Laune legen sich manchmal klammheimlich über die Stimmung in unserem Büro. Niko ist da ein unbestechlicher und ehrlicher Spiegel, der uns wie ein Kompass den Weg zeigt. Das haben wir im letzten Jahr sehr gut gelernt.

Heute nehmen wir uns immer wieder zurück und reflektieren, ob die Stimmung wieder zu kippen droht, vor allem wenn sich ein kleiner Sturm ankündigt. Sind wir gerade gut drauf oder spüren wir eine Belastung? Fühlen wir uns aufgeregt oder gedämpft, positiv aufgeladen oder besorgt und gehetzt? Diese eigene Wahrnehmung – gespiegelt in Nikos Verhalten – zeigt uns dann, was in dem Moment wirklich los ist und ob wir handeln müssen. Stress und ein bisschen Hektik haben sich zwar nicht in Luft aufgelöst (denn das bringt der Job nun mit sich), aber wir sind als Team viel sensibler mit unserem Einfluss auf Schwingungen, Geräuschpegel und das Miteinander in bestimmten Situationen. Unser kleiner Feel Good Manager hat hier als Wohlfühlförderer und auch Lärmdämpfer eine sehr wichtige Arbeit geleistet.

Eine besondere Qualifikation oder Ausbildung für seine Bürorolle hat Niko nicht. Sein Schlüssel ist sein Charakter und seine persönliche Belastbarkeit, mit dem Alltag im Büro gut umzugehen. Das kann aber nicht jeder Hund.

Wie gut er bei uns im Team integriert ist, zeigt sich immer wieder, wenn ich im Urlaub bin oder krank zu Hause bleibe. Dann kommt häufig die Frage: „Kann Niko nicht trotzdem kommen?

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