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Draußen dämmert es und plötzlich wird aus der harmlosen Mülltonne ein dunkles Ungetüm. Und auch die Plane an der Baustelle entwickelt im Wind ihr Eigenleben. Sobald es dunkel ist, zeigt sich mein sonst so neugieriger Pudel von seiner sehr vorsichtigen – wenn nicht sogar empfindlichen – Seite. Dass ihm größere Menschenmengen eher unangenehmen sind, ist für unseren Alltag nicht neu. Neu ist allerdings seine regelrechte Angst vor Gewitter. Herannahende Donnerwolken lassen ihn zitternd unter dem Tisch verschwinden oder sich ganz eng an mich kuscheln.

Ängstliche oder eben geräuschsensible Hunde mögen keinen Krach. Da kann selbst der Staubsauger zu einem bedrohlichen „Angstmonster“ werden. Was als Geräuschkulisse unangenehm empfunden wird, ist mitunter ziemlich viel. Schnell fallen dann Aussagen wie “Stell’ dich mal nicht so an” oder “Sei keine Mimose“. Dabei ist der Vergleich mit diesen kleinen, zarten Blumen gar nicht so abwegig. Schon sanfte Berührungen, ein plötzlicher Windhauch oder sogar lauter Donner lassen die Blüten in einer Art Schutzstellung zusammenklappen. Bis zu einer halbe Stunde verharren die Pflanzen, bis sie sich wieder zaghaft öffnen. Ganz wie mein Pudel.

Wahrnehmung ist sehr individuell. So gibt es Hunde, die feinnerviger und empfindlicher auf ihre Umwelt reagieren oder generell schneller gestresst sind. Niko nimmt sich mitunter intensiv meiner Stimmung und der unserer Umgebung an. Hunde wie er sind also besonders sensibel. Sie werden ständig stimuliert, ohne Filter und ohne Schutz. Und somit sind solche Hunde häufig anfälliger für Stress, Krankheiten und psychische Belastungen. Ich beobachte Niko eigentlich immer ziemlich genau. Allein von seiner Körpersprache lässt sich Vieles ableiten. Ich bin zwar keine Wissenschaftlerin oder Verhaltensforscherin, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Niko ein sehr sensibler, wenn nicht sogar hochsensibler Hund ist.

Hochsensible nehmen viele Dinge besonders intensiv wahr.

Hochsensibilität hat in den vergangenen zwei Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen. Dennoch ist sie kein Symptom unserer heutigen Gesellschaft. Bereits vor einem Jahrhundert untersuchte sie der russische Physiologe und Nobelpreisträger Iwan Petrowitsch Pawlow, als er der menschlichen Empfindsamkeit und Belastbarkeit nachging. In bestimmten Situationen reagieren sensiblere Menschen durch ihre Feinnervigkeit anders als normalerweise erwartet. Dies lässt sich ebenso auf Tiere ableiten. Sie weichen zurück, verkriechen sich oder zeigen Aggressionen. Das Ende der Leine (wir) ist oftmals ratlos. So wie ich – mir war in den ersten Monaten nicht bewusst, warum Niko in gewissen Situationen auf eine bestimmte Art reagierte. Ich schob es auf seine Unerfahrenheit und dass er sich erst einmal einleben müsse. Den ersten Gedankenanstoß bekam ich von seiner damaligen Hundebetreuerin. Immer wenn ich ihn abends bei ihr abholte, erzählte sie vom gemeinsamen Tag – von Niko, den anderen Hunden, den Beobachtungen. Sie bemerkte recht früh, dass er sensibler ist als andere Hunde in der Meute.

Hochsensibel und entspannt durch den Alltag?

Eine Hochsensibilität zeigt sich in unterschiedlichen Situationen und wirkt sich dabei sinnesübergreifend aus. Manchmal ist es das Berühren der Hinterbeine, das Niko unangenehm zusammenzucken lässt, oder der nach Silvester in der Luft hängende Geruch von Schwarzpulver, der ihn auf dem Treppenabsatz wieder umkehren lässt – da kann die Blase noch so drücken. Aber auch minimale Stimmungsschwankungen werden von seinem Radar registriert, ganz egal wie gut mein schauspielerisches Talent ist.

Bei hochsensiblen Menschen und Tieren fehlt im Nervensystem jener Filter, der wichtige von unwichtigen Reizen trennt. Dadurch werden viel mehr Reize aufgenommen, die wiederum verarbeitet werden müssen. Das kann Stress bedeuten.

Unsere Hunde sind in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zum Ganztags-Alltagsbegleiter geworden. So begleitet mich Niko ins Büro, zu Terminen, beim Bummeln oder zum Kaffee trinken, bei Besorgungen. Dadurch muss er automatisch auch viel mehr leisten. Umso wichtiger ist es, einen guten Ausgleich zu schaffen und ihm genug Zeit und Raum zu geben, sich an die Situationen anpassen zu können. Nur so kann er für sich dauerhaft die richtige Balance zwischen zu viel Gefühl und Alltag finden.

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Ich habe gelernt, dass Hochsensibilität kein Hokus Pokus ist. Vielmehr ist sie ein Teil seiner Persönlichkeit, die ihren Platz in unserem Alltag gefunden hat. Und auch dieser Platz oder diese Routine ist für jeden anders. Was mir geholfen hat, den weg dorthin zu finden? Drei grundsätzliche Fragen: WIE erreiche ich, dass sich Niko entspannt? WOMIT kann ich ihm helfen, damit er besser mit den für ihn aufregenden Situationen zurechtkommt? WAS kann ich für mich selbst tun, um gelassener mit bestimmten Situationen umzugehen?

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