UnterwegsIn den Straßen von Berlin: Vom Traum eines entspannten Spaziergangs

In den Straßen von Berlin: Vom Traum eines entspannten Spaziergangs

 Gesetzlicher Tierschutz ist für mich wie Horoskope lesen, genauer gesagt habe ich dann meistens ein Sternzeichen im Sinn: die Zwillinge – ein Bild mit zwei Gesichtern, konträr, teilweise unergründlich.

Dass ich nun zukünftig nicht nur zum Autofahren einen gültigen Führerschein brauche, sondern auch als Nachweis für eine artgerechte Tierhaltung, ist vom Grundgedanken her sehr begrüßenswert. Was in den anderen Bundesländern anscheinend schon länger Usus ist, bahnt sich auch in Berlin mit ziemlicher Sicherheit an. Im Herbst diesen Jahres soll endlich der Hunde-Führerschein verabschiedet sein. Ich finde es gut, dass durch das Gesetz stärker bei den Haltern angesetzt wird. Denn für ein normales Sozialverhalten oder ein artgerechtes Leben können die Vierbeiner nicht selbst bestimmen und sind völlig abhängig von ihrem sozialen Umfeld. Soweit, so gut. Doch was dabei ganz erheblich auf der Strecke bleibt: Wer schützt die Fellnasen vor der Gefahr durch Fremde?

Post_Sicherheit

Ich bin traurig und wütend. Jeden Tag schlagen meine Feeds Alarm über irgendwelche Giftköder-Funde. Waren es vor ein paar Tagen noch 23 mit Klingen und Nadeln gespickte Wurststücke in Lichtenberg, ist es heute die Leberwurst am Boxhagener Platz. Initiativen wie Giftköderalarm oder Kiez-Communities werden immer wichtiger für einen sicheren Alltag.

Spaziergänge sind für mich längst nicht mehr entspannt. Ständig scanne ich nebenbei den Boden ab und achte akribisch darauf, wo Niko gerade seine neugierige Nase reinsteckt. Neuerdings aktiviert sich im Friedrichshainer Volkspark eine Art Bürgerwehr, die es „sportlich“ nimmt und sich der Überwachung des Leinenzwangs angenommen hat. Besonders in der Dämmerung vermeide ich nun zu Gunsten seiner Gesundheit Wiesen und Parks. Das kann doch nicht die Zukunft sein! Vermeintliche Giftfunde werden von der Polizei nur registriert. Anzeige gegen unbekannt. Aber was soll demjenigen auch schon groß passieren, denn laut Gesetz sind Tiere ja grundsätzlich Sachen und ein Vergehen wird nur mit einer „Sachbeschädigung“ geahndet.

Für jemanden, der Tiere als gleichwertige Wesen respektiert, ist dieser Zustand und die täglich wachsende Gefahr nur noch frustrierend.

Bevor Niko bei mir eingezogen ist, war mir gar nicht bewusst, welche verhärteten Fronten auf den Straßen Berlins kämpfen: das ewige Lied vom Schlachtensee und dem Hundeverbot, zu wenige und zu kleine Auslaufgebiete, genereller Leinenzwang auch in Parks und Freiflächen, ausgelegte Gifte und so weiter.

In unseren ersten zwei gemeinsamen Wochen waren Niko und ich damit beschäftigt, ihn an das Stadtleben mit all den Geräuschen, Gerüchen und Wesen zu gewöhnen. Die Straße mit ihren verborgenen Schätzen war erstmal nebensächlich. Das änderte sich schlagartig und auf einmal hatte ich einen Kraftstaubsauger an der Leine. Nichts war vor ihm sicher. Nicht einmal fremde Taschen auf der Auslaufwiese. Er witterte Leckereien zwei Kilometer gegen den Wind. Als echter Pudel weiß er natürlich, wie man es geschickt anstellt. Zum Beispiel versteckte er seine Beute einfach unter der Zunge oder bummelte auf dem Rückweg so lange umher, um den Leckerbissen, den er auf dem Hinweg entdeckte, heimlich aufzunehmen. Die Straßen haben ja auch einiges zu bieten: Von Pizza, Pommes und Döner über Brot bis zum gemeinen Hausmüll. Dass Berlin ein Rattenproblem hat, wundert mich überhaupt nicht.

Meine Nerven lagen teilweise blank und ich zog ernsthaft in Erwägung, mir entweder eine Taschenlampe für die abendlichen Runden anzuschaffen oder Niko einen Maulkorb zu verpassen. Beides habe ich natürlich gleich wieder verworfen.

Mittlerweile haben wir uns eingegroovt. Gegen schnöden Scheibenkäse, Brot oder Salat habe ich echte Chancen, dass Niko beim Codewort fallen lässt. Trotzdem macht mich das nicht entspannter, denn welche kleine Fressmaschine kann einer Leberwurst schon widerstehen?

In den nächsten Wochen steht nun bei uns ein intensives Training auf dem Programm, sowohl unter Anleitung in einer Schule als auch nebenbei zu Hause. Eine Sisyphusarbeit, die nicht nur mit viel Geduld und Ausdauer zu schaffen, sondern inzwischen leider auch lebensnotwendig geworden ist.

Unablässlich und auch ehrlich gesagt noch nicht in meiner Handtasche gelandet, ist ein kleines Notfall-Set mit Kohletabletten und Vitamin K gegen schwere Giftattacken. Beide Medikamente sind zweifelsfrei nicht ohne und eine eventuelle Einnahme sollte auf jeden Fall vorher mit dem Tierarzt besprochen werden. Aber sie können Leben retten, denn oft entscheiden Minuten über ein Happy End des Spaziergangs.

Ich begrüße es, dass zukünftige Familien und Lebenssituationen viel stärker auf Herz und Nieren geprüft werden. Denn nur so kann garantiert werden, dass Tiere glücklich leben können. Tierheime und Tiervermittlungen erleben leider viel zu oft, dass Tiere einfach wieder zurückgegeben werden, wenn es nun doch „nicht passt“, zuviel Geld kostet oder die Lust vorüber ist. Doch nur beim Halter anzusetzen, ist der halbe Weg, um Tieren einen besseren Status in der Gesellschaft zu ermöglichen: Ein erster und völlig überfälliger Schritt ist die Anerkennung von Tieren jeglicher Art als Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen und als Teil unserer Gesellschaft.