Auf einen Schnüffler mit Dr. Ann-Kathrin Fritsche von Tierverhalten Berlin

Die Wege von Anna und mir haben sich schon häufig unbekannterweise gekreuzt. Genauso wie sie liebe ich den abwechslungsreichen Volkspark Friedrichshain für gemütliche Spaziergänge. Und schon unzählige Male bin ich an den Schaufenstern der Tierphysio-Therapie-Praxis in der Rigaer Straße auf unserer Abendrunde vorbeigelaufen.

Und in genau diese hatte es mich im Herbst letzten Jahres an einem trüben Samstag Nachmittag verschlagen. Ich hatte nämlich gewonnen. Im Nachrückverfahren durften der Pudel und ich das kleine ABC der Ersten Hilfe beim Vierbeiner lernen. Unter Annas geübtem Blick bekam Niko also einen Pfotenverband angelegt und ich unterschiedliche Tragetechniken für einen verletzten Hund gezeigt. Ihre sorgfältig zusammengestellte Liste aus Tipps und Notfallnummern hängt seitdem griffbereit in meiner Küche.

Wie hast Du zu Deiner Profession gefunden?

Ich bin eigentlich das, was man einen Klassiker nennt. Aufgewachsen mit Tieren, war ich als Jugendliche oft beim Reiten. Als dann in der Schulpraktika anstanden, musste ich nicht lange überlegen und bin in einer Kleintierpraxis gelandet. Da war ich ungefähr 13 oder 14. Mit 16 kam der nächste Schritt – ein Praktikum bei einem Großtierarzt. Hier bin ich dann das erste Mal auch mit der Pferdepraxis in Berührung gekommen. Der Rest ist quasi Geschichte: Von da an wollte ich unbedingt Tierärztin werden. Es folgten mehrere freiwillige Praktika bei Tierärzten und Schülerjobs auf dem Reiterhof. Je länger ich dabei war, desto stärker kristallisierte sich Großtierärztin heraus. Auch während des Studiums änderte sich der Fokus nicht. Meine Doktorarbeit schrieb ich in einem Labor für Virologie und habe dort auch Pferdediagnostik gemacht. Also alle Weichen waren für den Pferdebereich gelegt.

Wie so oft war auch meine Doktorarbeit unbezahlt. Also musste ich anderweitig etwas Geld in meine Kasse bekommen und nahm einen Teilzeitjob in einer Berliner Kleintierpraxis an. Und dort habe ich noch einmal die Kleintierpraxis neu für mich entdeckt. Die Behandlung von Kleintieren ist körperlich weitaus weniger anstrengend als die Arbeit mit Pferden und Rindern. Bist du etwas zierlich gebaut, kannst du schnell an deine körperlichen Grenzen stoßen. Würde ich also im Pferdebereich bleiben, wäre eine Klinik für mich erste Wahl. Erstens sind Kliniken immer gut ausgestattet und zweitens sind durchgehend Kollegen vor Ort, die unterstützen können, wenn es an die Kräfte geht. Im Kleintierbereich ist es wiederum einfacher. Hier konnte ich von Anfang an alles selbstständig machen. Obwohl die Tiere nun 1 oder 2 Nummern kleiner waren, hat mich die Arbeit genauso positiv ausgefüllt wie damals mit den Großtieren. Mittlerweile habe ich mich auf Tierverhaltensmedizin, insbesondere für Hunde und Katzen, spezialisiert und kooperiere gerade mit einer Kollegin, die im Pferdebereich tätig ist, und komme somit wieder langsam zurück zu meinen Wurzeln. Ein Schritt, der mich extrem motiviert.

Was bedeutet es für Dich, Tierärztin zu sein?

Mir ist es wichtig, sowohl dem Tier als auch dem Halter die beste Unterstützung zu geben, die sie (in Krisenzeiten) brauchen, sei es also zum Beispiel während einer Erkrankung oder bei verhaltenstherapeutischen Fragen. Egal, worum sich das Problem dreht, ist der Leidensdruck auf beiden Seiten sehr spürbar. Die Halter hängen mit starken Emotionen an ihrem Tier: Sie leiden, wenn ihr Tier leidet. Das geht bei Husten, Durchfall und Erbrechen los und zieht sich bis zu Unverträglichkeiten wie Aggressionen oder Angstverhalten. Es leiden also wirklich beide. Durch das starke emotionale Band hat man als Arzt quasi zwei Patienten vor sich.

Ein Tierarzt ist nicht nur Tierarzt. Man kümmert sich auch um den Menschen, der mit dabei ist.

Unser Berufstand ist von Empathie gezeichnet. Ich weiß nicht, ob du das die letzten Meldungen mitbekommen hast: Unter uns Tierärzten ist die Selbstmordrate sehr hoch. In den Foren, in denen ich unterwegs bin, wurde das aktuell sehr intensiv diskutiert. Im Vergleich zu anderen medizinischen Berufen stehen Tierärzte praktisch ganz oben, erst dann kommt der Humanmediziner. Natürlich sind auch Humanmediziner empathisch. Der Unterschied zu den Tierärzten liegt darin, dass Tiere nicht sprechen können und sich der behandelnde Arzt dementsprechend ganz anders einfühlen muss. Der Helfermodus ist also vorprogrammiert. Da kann ich mich persönlich auch nicht ausschließen. Ich bin ein Mensch, der sich in die unterschiedlichen Geschichten total reinversetzt, macht und tut. Vieles wird dann nach Feierabend mit nach Hause genommen.

Sich persönlich abzugrenzen, ist wirklich wichtig.

Eine US-Kollegin aus dem Verhaltensbereich, deren Bücher ich gerne gelesen habe, hat auch Selbstmord begangen. Einen solchen Schritt bzw. eine etwaige Depression dahinter hätte ich bei ihr nicht vermutet. Das hat mich sehr mitgenommen. Im Behandlungsalltag sind viel Emotionen im Spiel, insbesondere auf Seiten des Halters. Obwohl du als Tierarzt alles prüfst, ausprobierst und nochmal nachschaust, gibt es auch Fälle, in denen du zu spät kommst. Auch das gehört zum Alltag. Das muss nicht immer eine Fehldiagnose sein. Aber ein Tierarzt ist auch nicht Gott und kann nicht jedes Tierleben retten. Verständlicherweise können Halter besonders im ersten Moment eher schlecht damit umgehen. Schnell wird dann ein der Schuldige gesucht, um mit der Situation wiederum umzugehen. Da sind einfach so viele Faktoren mit drin.

Eine Kollegin aus Karlshorst hatte sich vor einigen Wochen in die Diskussion um Chico eingeschaltet. Es war ja der Wahnsinn, was auf Social Media abgegangen ist. Die Reaktionen auf ihre ganz persönliche Meinung haben mich dann erstmal umgehauen: Sie argumentiere, es sei zuviel passiert und dass dem Hund nicht mehr adäquat geholfen werden kann. Es täte ihr in der Seele weh. Es sind aber zwei Menschen gestorben und er sei nicht resozialisierbar. Für ihn hätte das eine lebenslange Zwingerhaltung mit starken Auflagen bedeutet. Und das wäre seinem vorherigen Leben sehr ähnlich gewesen. Aus Perspektive des Tierschutzes wäre somit eine Euthanasie für den Hund sogar besser. Ich persönlich trage das absolut mit, so leid es mir für das Leben dieses Tieres tut. Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten: „Man solle lieber sie einschläfern.“ … Man kann diskutieren, man kann anderer Meinung sein. Aber es gibt eine Grenze. Der Gipfel war ein Aufruf, ihr schlechte Bewertungen zu geben. Dem sind sogar einige Leute nachgekommen und haben sie als „schlechte Tierärztin“ abgestraft, ohne jemals in ihrer Praxis gewesen zu sein. Da zeigt sich ganz deutlich die Macht der Emotion und wie schnell diese eine ganz eigene Dynamik entwickelt.

Sieh deinem Hund in die Augen und versuche zu sagen, dass Tiere keine Seele haben. 

(Victor Hugo)

Du bist als tierärztliche Verhaltenstherapeutin mobil unterwegs. Wie kam es zu dieser Idee?

Die Geburt meiner Tochter war der eigentliche Auslöser. Vorher war ich angestellt in einer Praxis, allerdings mit Schichtdienst. Schon während der Elternzeit habe ich darüber nachgedacht, wie es nach meinem Wiedereintritt laufen kann, ohne dass die Kollegen als auch meine kleine Familie zu sehr zurückstecken müssen.

In der Kleintierpraxis habe ich die Verhaltenstherapie schon mit angeboten. Zum Wiedereinstieg wurde mir richtig bewusst, dass in Berlin schon recht viele, klassische Kleintierpraxen angesiedelt sind. Selbstständig mit eigener Praxis und normalen Öffnungszeiten passte nicht so richtig in mein Bauchgefühl. Die Tierverhaltenstherapie ist wiederum ein unterrepräsentiertes Feld. Es gibt viele Hundetrainer, die das anbieten und auch viele Katzenspezialisten, aber eben keine Tierärzte.

Das war quasi der initiale Punkt: Tierverhaltenstherapie als Tierarzt und mobil! Die meisten Verhaltensprobleme zeigen sich ja auch zu Hause.

Was ist Dein ganz persönliches Motto bei der Arbeit?

Ein ganz bestimmtes Credo habe ich, ehrlich gesagt, nicht. Würde ich meine Arbeitsweise beschreiben, stünde ganz oben der ganzheitliche Ansatz. Ist zum Beispiel ein Durchfall vorhanden, behandle ich natürlich das Problem. Allerdings versuche ich durch Fragen in die unterschiedlichsten Richtungen, die Ursachen für die Erkrankung herauszufinden: Kann der Durchfall etwa durch eine Pflanzenaufnahme verursacht sein? Ist der Übeltäter etwa zu Hause in der Wohnung zu finden?

In der Verhaltenstherapie sind 80 Prozent tatsächlich Angstprobleme wie Angstaggressionen oder Umweltangst bei den Hunden. Bei den Katzen kommt sehr häufig die Unsauberkeit. Katzen machen ja nicht freiwillig in die Wohnung. Bei allen Problemen schaue ich auf die Verhaltensauffälligkeiten, aber parallel eben auch auf mögliche organische Ursachen. Vor jedem ersten Besuch bekommen meine Kunden einen ausführlichen Anmeldebogen zugeschickt, bei dem ich schon sehr viele Dinge abklopfe. Damit bleibt beim eigentlichen Hausbesuch mehr Zeit für gezielte Nachfragen und auch für den Besitzer ist es angenehmer, im Vorfeld alle Probleme oder Sorgen aufzuschreiben. Der Unterschied zu praktizierenden Hundetrainern liegt also darin, dass ich auch vom medizinischen Standpunkt her betrachte. Sind die Hormone in Balance? Ist die Schilddrüse bereits getestet worden? Auch bei Fragen zur Kastration beziehe ich den Charakter des Tieres, evtl. Probleme und medizinische Gründe ein. Die Entscheidung zur Kastration sollte immer individuell  erfolgen und nie ohne vernünftigen Grund.

Mobiler Service: Win-Win für Dich und Deine Kunden? 

Für meine Kunden entsteht ein beachtlicher zeitlicher Vorteil, da ich in ganz Berlin mobil bin und parallel mit anderen Tierarztpraxen kooperiere, da die meisten auf dem Feld nicht so aktiv sind. D.h. Kleintierpraxen überweisen zum Beispiel an mich und ich überweise zurück, wenn Laborwerte genommen werden müssen oder ein organischer Hintergrund zu vermuten ist. Ich nehme also niemandem Kunden weg, da ich ein komplett anderes Leistungsspektrum anbiete. Und für mich persönlich springt eine sehr  familienfreundliche Work-Life-Balance heraus – mit viel Freiraum zur Gestaltung der Termine und genug Zeit für mein Kind.

Wie bringst Du alle(s) unter einen Hut?

Mittlerweile beherrschen mein Partner und ich alle Facetten des Zeitmanagements perfekt. Wir haben unter anderem einen gemeinsamen Arbeitskalender. Woche für Woche setzen wir uns zusammen und planen gemeinsam, wer wann wen wo abholt – inklusive Hund. Meistens ist Wilma sowieso bei mir. Aber nicht nur, weil ich sie mit in die Beziehung gebracht habe, sondern weil sie mich als Rettungshündin auch bei der Arbeit unterstützt. Es gibt aber auch Phasen, in denen sie ein bisschen zurückstecken muss. Dann sind die Terminkalender einfach zu voll. Aber sie ist auch schon 9 und ein Tag Pause zwischendrin tut ihr ganz gut.

Kannst Du zu Hause abschalten?

Es kann tatsächlich immer mal wieder vorkommen. Bei manchen Fällen, die nicht ganz so einfach verlaufen, noch gar nicht ausdiagnostiziert sind oder wo Laborergebnisse noch nicht da sind, spiele ich das im Kopf nochmal durch und überlege, was ich noch machen kann. Es hilft mir dann eigentlich immer, das nochmal durchzudenken und vielleicht eine kleine Notiz für den nächsten Tag zu machen. Dann kann ich es für den Abend auch zur Seite zu schieben und mich auf meine Familie konzentrieren. Das hat aber gedauert. Die ersten drei Jahre war ich viel auf Bereitschaft und einige Abläufe waren noch nicht durch Berufserfahrung gefestigt – da habe ich sehr viel mit nach Hause genommen. Jetzt kann ich die Probleme gut einsortieren, Situationen entsprechend einschätzen und das an die Halter so weitergeben – aber das kam erst durch die praktische Routine. Mit den Jahren wird man eben ruhiger und kann loslassen.

Wie sehr hat sich das Berufsbild des Tierarztes im letzten Jahrzehnt verändert?

Die Veränderung ist noch immer im vollen Gange. Und zwar, weil viel mehr Frauen tätig werden. Dadurch bedingt werden vermehrt Teilzeitmodelle für die Familienplanung nachgefragt. Aber auch die Work-Life-Balance rückt immer mehr in den Fokus. Weg von der 60 Stunden-Woche, hin zu geregelten Dienstzeiten und festen Feierabenden. Auch die Einzelkämpfer-Praxen werden weniger. Es entwickelt sich mehr in Richtung Gemeinschaft und Kooperationen. Das nutze ich auch in meinem Feld. Ich kooperiere mit einer in der Tierverhaltenstherapie tätigen Kollegin und wir unterstützen uns gegenseitig bei schwierigen Fällen oder auch wenn die Chemie mal mit einem Kunden nicht stimmt. Jeder hat ja seine ganz eigene Persönlichkeit und manchmal harmoniert es einfach nicht. Und wenn man dann nicht weiter kommt, kann der Kollege übernehmen. Und das wäre früher undenkbar gewesen. Früher war: Ich habe meine Praxis, ich muss mich da durchkämpfen und Überweisen bedeutet Geld verlieren. Und hier findet mittlerweile ein Umdenken statt. Wenn ich überweise, weil es vielleicht auch gar nicht mein Fachgebiet ist oder weil ich irgendwo nicht weiter komme, kommt das wiederum positiv bei den Kunden an. Es steht nämlich das Wohl des Tieres im Mittelpunkt!

Haben sich die Krankheitsbilder in den letzten Jahrzehnten verändert? 

Zum einen treten viel häufiger Mittelmeererkrankungen auf, unter anderem durch die ganzen Importe. Es werden viele Hunde aus südlichen Ländern gerettet und da reisen die entsprechenden Krankheiten gleich mit. Ein Teil wird auch begünstigt durch verändertes Klima. Es ist bei uns wärmer geworden und damit können spezielle Mücken auch hier die Krankheiten übertragen. Es gibt ja bestimmte Vektorkrankheiten, die nicht direkt übertragen werden, sondern über diesen Zwischenwirt, die Mücke. So etwas sehen wir in den Praxen mittlerweile sehr viel häufiger.

Besorgniserregend sind für mich auch die aufkommenden Staupefälle. Über die Impfungen war die Erkrankung über Jahrzehnte unter Kontrolle. Durch die Impfmüdigkeit – nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Kindern erwachen eigentlich ausgemerzte Krankheiten zu neuem Leben. Während des Studiums habe ich Staupe nur in Büchern gesehen. Und plötzlich blickte ich in ein Staupegebiss eines sechs Monate alten Hundes. Wow. Oder Pfotenveränderungen. Als ich solche Symptome das erste Mal gesehen habe, habe ich wirklich zweimal nachgeschlagen, weil ich es nicht glauben wollte. Die Rücksprache mit verschiedenen Kollegen brachte schließlich die Bestätigung und offenbarte eine ernste Entwicklung. Es gibt natürlich auch Ausnahmen: zum Beispiel bei Allergien. Hier können Impfungen sehr gefährlich werden.

Lebt der Hund in einem Rudel entsteht eine sehr komfortable Situation – die Herdenimmunität.

Denn wenn alle anderen um dich herum geimpft sind und du als Allergiker oder akut kranke Person nicht geimpft werden kannst, dann schützen dich die anderen mit. Wenn aber die ganzen Tiere oder auch Kinder nicht mehr geimpft werden, weil Impfen böse ist, bricht diese Herdenimmunität in sich zusammen. Denn ein Einziger kann durch alle anderen mitgeschützt werden. Aber wenn das dann auf einmal nur noch 20 oder 30 Prozent sind, kann der Schutz nicht mehr ausreichend gewährleistet werden.

Verbreiten sich unter Haustieren auch Zivilisationskrankheiten?

Ganz klar: Übergewicht. Es ist wirklich ganz interessant, dass ich oft von Haltern angesprochen werde, ob ihr Hund oder ihre Katze zu dünn sind. Und das sind meistens die Kandidaten, die eigentlich genau richtig sind. Schauen wir uns den Standard Labrador an, dieser häufig viel zu dick gefüttert. Kein Wunder, denn es ist alles im Überfluss vorhanden. Ist dann die Bewegung nicht optimal abgestimmt, entsteht das klassische Übergewicht. Auch falsche Futterzusätze können Ursache sein. Zwar breitet sich der Trend, zuckerfrei zu füttern, immer weiter aus. Dennoch ist eine Fettleibigkeit sowohl bei Tieren als auch Menschen zu beobachten. Bei kleineren Rassen wie Pudel oder Yorkis sind zudem oft schlechte Zähne zu beobachten. Hier lässt sich einfach vorbeugen, mit Zähneputzen. Das dauert natürlich eine Weile, bis sich das Tier daran gewöhnt hat. Aber auf Dauer und vom Welpenalter an ist das natürlich das Optimale.

Wie hoch schätzt Du den Beratungsauftrag von Tierärzten ein?

Es ist spürbar mehr geworden. Zum Einen weil sich viele deutlich mehr mit ihrem Hund und ihrer Katze beschäftigen, wie etwa die Haltung aussieht, wie sich Lebensqualitäten für das Tier erreichen lassen. In der Praxis werde ich auch viel nach Vorsorge gefragt. Auch im Internet informieren sich Halter heutzutage viel mehr und auch eigenständiger. Eine sehr positive Sache. Weil dann Sachen auch hinterfragt werden oder gezieltere Fragen aufkommen, ob zum Beispiel sich Agility für den eigenen Hund eignet oder was man beim Joggen mit Hund beachten sollte.

Was empfiehlst Du, um den optimalen Tierarzt zu finden?

Der erste Eindruck ist wichtig. Den gibt es schon ganz ohne Aufwand via Telefon: Wie wirst Du angenommen? Bekommst Du automatisch einen Termin angeboten? Wird sich Zeit genommen? Passt das schon mal, gibt der Besuch in der Praxis eine Menge Aufschluß: Wie wohl fühlen sich mein Tier und ich in den Räumlichkeiten? Gibt es genügend Platz für die Patienten? Es gibt sogar Tierärzte mit eigener Katzensprechstunde, um die Wartezeit für Katzen so stressfrei wie möglich zu gestalten. Denn nicht immer sind räumliche Trennungen von Hund und Katze aus Platzgründen möglich.

Ob es fachlich stimmt, zeigen unterm Strich einige Besuche der Praxis. Erst dann ist ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut und als Kunde hast du ein besseres Gefühl, ob die Chemie stimmt. Einmal habe ich eine Praxisvertretung für Kollegen gemacht. Ein paar Kunden brauchten spürbar Zeit, bis das Eis gebrochen ist. „Ich komme gerne zu Ihnen“ freut natürlich jeden Tierarzt. Und mit Sicherheit gibt es auch wiederum Kunden, mit denen passt es einfach nicht. Du erklärst die ganze Zeit irgendetwas, hast aber zeitgleich das Gefühl, es kommt nicht an.

Nicht jedes Tier geht unvoreingenommen zum Tierarzt. Stress vorprogrammiert. Wie kann ich als Halter während der Untersuchung ideal unterstützen? 

Ich empfehle immer ganz einfache Übungen. Medical Training ist da ein großes Stichwort, das in den USA schon stark verbreitet ist und als Trend gerade rüberschwappt. Ob man jetzt mit einem Welpen anfängt oder mit einem erwachsenen Hund, ist egal. Klar, geht es bei einem Welpen deutlich schneller und leichter.

Eine Möglichkeit wäre, zwischendurch nur mal so beim Tierarzt vorbei zu gehen und nur auf die Waage zu steigen oder sich ein Leckerchen abzuholen. Bei einer Katze kann man Boxentraining machen, um die Verknüpfung „ich muss in die Box und dann geht es zum Tierarzt“ aufzubrechen. Und das langsam angehen. Zu Hause lässt sich Pfötchen geben üben, um später die Krallen zu schneiden. Da gibt es ganz tolle Youtube Tutorials. Das lässt sich dann auch ausbauen – ich gebe das Pfötchen und lasse mir freiwillig Blut abnehmen. Das funktioniert wirklich. Ich habe das mit meiner Hündin ausprobiert.

Ich hatte schon Hunde, die schon beim Krallen schneiden fletschten. Und wir haben das hingekriegt – in kleinen Schritten, jede Woche für eine Stippvisite in die Praxis. Da wird im ersten Schritt nur das Pfötchen angefasst, bis es für die Hunde akzeptabel ist und das funktioniert. Aber es ist natürlich ein riesiger Zeitaufwand. Ich biete für Tierhaltern auch entsprechende Kurse an.

Für viele Tierärzte steht die Kooperation mit dem Tier im Vordergrund, das dann freiwillig mitmacht.

Damit wird es nicht nur für den Arzt einfacher, sondern auch für alle anderen Beteiligten (Helfer, Arzt, Halter und Tier). Denn Stress kann mitunter auch gefährlich werden. Lässt sich ein Tier zum Beispiel nicht ins Ohr gucken und man hat den Verdacht es ist ein Fremdkörper im Ohr hat man keine Zeit abzuwarten. Doch eine Narkose ist nie risikofrei, daher empfehle ich immer das Üben zu Hause. In dem angesprochenen Fall war es eine Entzündung ohne Fremdkörper . Da wäre eine Untersuchung ohne Narkose viel besser gewesen, aber durch das massive Abwehren des Tieres für alle Beteiligten zu gefährlich.

Worin siehst Du Verbesserungspotential in der Situation für Tierärzte?

Es gibt viel Diskussion über die Bezahlung der Anfangsassistenten. Gerade in Berlin wollen viele Absolventen auch in der Stadt bleiben, was sich ergo in niedrigen Preisen niederschlägt. Berlin ist ja auch generell keine wohlhabende Stadt. D.h. jeder Arzt mit einer mittelständischen Praxis hat gut zu tun, um sich und seine Angestellten sicher zu ernähren. Ergo werden viele Anfangsassistenten nicht fair bezahlt. Bisher gibt es keine Tarifvereinbarungen. Es wird zwar verhandelt, Empfehlungen werden ausgesprochen. Die Entwicklung ist schon so, dass versucht wird, sich daran zu halten. Nur manchmal ist es von der Wirtschaftlichkeit nicht anders machbar. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Eine Zwickmühle für Praxisbesitzer, die durchaus fair bezahlen möchten, aber nicht können. Da sind wir dann wieder beim Großstadtproblem. Wir haben so eine Tierarztdichte, dass es manchmal insbesondere für kleine Praxen ein Überlebenskampf ist. Das ist auch so ein Punkt über den ich überlegt hatte, als es um meine Selbstständigkeit ging. Für mich steht ganz klar fest,  dass ich keine kleine Praxis übernehmen und dann in diesen Kreislauf geraten will. Das war für mich eine ganz wichtige Sache, dass ich mir eine Nische suche, die es so noch nicht gibt, die mir auch unglaublich viel Spaß macht. Ich finde es gut, dass die Diskussion im regen Gange ist und auch erste Veränderungen sichtbar werden.

Geht’s auch günstiger? Sprechstunden-Hopping auf der Suche nach den günstigsten Preisen gibt es das tatsächlich.

Manchmal werden wir nur angerufen, um Preise für gewisse Dienstleistungen abzufragen und um dann nie wieder von den Leuten zu hören. Es gibt Halter, die alles durchtelefonieren, auf der Suche nach dem günstigsten Preis. Tierärzte sind über eine Gebührenordnung organisiert und daran auch gebunden. Innerhalb der Gebührenordnung gibt es natürlich auch Spielräume. D.h. man kann den niedrigsten Satz nehmen oder je nach Aufwand auch ein bisschen höher abrechnen.

Halter sollten hier unbedingt bedenken, dass immer unterschiedliche Sprechstunden auch den Stress beim Tier erhöhen. Denn das so wichtige Vertrauen kann ja gar nicht erst aufgebaut werden, wenn der Halter immer wieder andere Praxen aufsucht. Außerdem ist ein Vergleich mit der gesundheitlichen Historie des Tieres gar nicht möglich. Ich empfehle immer, einen Haustierarzt zu haben und wenn dieser an seine Grenzen kommt, eben zu einem passenden Spezialisten zu gehen. Ein zusätzlicher Zettel mit vorhandenen Grunderkrankungen und eingesetzten Medikamente sollten Halter griffbereit haben. Eine solche Aufstellung gebe ich zum Beispiel auch meinen Patienten mit, wenn sie in den Urlaub fahren, um es den Kollegen vor Ort so einfach wie möglich zu machen.

Es gab auch bei mir schon Anrufe von Urlaubern, die auf die Schnelle „die kleinen blauen Tabletten“ für ihren Hund brauchten. Es gibt aber sehr viele blaue Tabletten und ohne Diagnose darf ich als Arzt gar keine Medikamente rausgeben. Um dann unnötige Kosten für den Halter zu vermeiden, versuchte ich den Haustierarzt zu erreichen und alles weitere abzuklären. Mein Tipp: Wenn der Urlaub ansteht, noch einmal schauen, ob für alle Eventualitäten die richtigen Rezepte vorliegen, die Medikamente reichen und zur Sicherheit die Visitenkarte des Tierarztes einstecken.

Gibt es spannende Innovationen im tierärztlichen Bereich?

Tatsächlich treten Startups an, die Angebote in Richtung digitale Sprechstunde entwickeln. Was ich davon halten soll, kann ich momentan noch nicht abschätzen. Ich habe den Eindruck, die Kunden rufen an und wollen gleich am Telefon eine treffsichere Diagnose. Das könnte ich guten Gewissens gar nicht machen, wenn ich nicht alle Fakten kenne und das Tier nicht in Augenschein nehmen kann. Der Blick des Halters ist meistens schon ein wenig eingetrübt. Das passiert häufig. Daher finde ich eine Onlinesprechstunde schwierig.

Welche Skills sollten Tierarzt-Anwärter aus Deiner Erfahrung heraus mitbringen?

Zu allererst sollte sich jeder überlegen, was man als Tierarzt eigentlich machen möchte. Im Studium gibt es eine Vielzahl von möglichen Schwerpunkten, die belegt werden können. Aber auch emotionale Stabilität ist eine Grundvoraussetzung, um erfolgreich praktizieren zu können. Es gibt einfach so viele Geschichten, die nicht immer rosig verlaufen. Und natürlich sollte man tierlieb sein.

Aber als Tierarzt bist du nicht nur zum Streicheln da, sondern musst teilweise auch schwere Entscheidungen treffen.

Und nicht zu vergessen – eine gewisse Kommunikationsfähigkeit. Die festigt sich aber im Laufe der praktischen Tätigkeit.

 

Und diese spannenden Links hat mir Anna noch ans Herz gelegt:

Der blaue Hund ist ein Programm zur Bisspräventation bei Kindern zwischen 3 und 6 Jahren. In einer interaktiven Computergeschichte können Kindern gemeinsam mit ihren Eltern spielen. Zusätzlich wird den Eltern mit Hilfe eines Begleitbuchs oder in einem Kurs die Körpersprache und die Grenzen von Hunden erlernen. Es ist wichtig, die individuellen Grenzen eines Hundes zu respektieren. Denn nicht jeder Hund möchte sich zum Beispiel immer streicheln lassen. Nur Eltern, die selbst Zeichen deuten können und entsprechend respektieren, können ihren Kindern beibringen: Ein Hund darf auch Nein sagen.

Nicht jeder Hund geht unbefangen zum Tierarzt. Stress und Anspannung sind vorprogrammiert. Mit einem sogenannten Medical Training lässt sich den Vierbeinern die Angst vor den Behandlungsräumen und der Untersuchung schrittweise nehmen. In diesem Video zeigt sich, wie mit Geduld und Ruhe einem Hund das Krallen Schneiden trainiert wird.

 

Wer mehr über Anna und ihre Arbeit lesen oder sich austauschen möchte, findet sie hier:

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Oder ganz einfach hier: tierverhalten.berlin

Alle Fotos: © Tierverhalten Berlin
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